Berliner Erklärung zu Forschung und Innovation für eine nachhaltige urbane Mobilität – Neues wagen! Mehr Mut für innovative Wege in der Mobilität

Mobilität ist eine wichtige Grundlage moderner, demokratischer Gesellschaften: Sie schafft soziale Zugänge und sichert wirtschaftliche Prosperität. Es deuten sich tiefgreifende Veränderungen der Mobilitätsmuster an. Diese sind getrieben durch neue technologische Möglichkeiten der Digitalisierung, notwendige Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele, demografische Veränderungen und Verschiebungen bei Werten und Bedürfnissen der Menschen. Die Herausforderungen sind immens, da bestehende Infrastrukturen, technologische Pfadabhängigkeiten und verfestigte Handlungsroutinen diesen Sektor fest im Griff haben.

Wie sich die Veränderungen in der Mobilität – von Personen und Gütern – konkret darstellen werden, ist erst in Grundzügen absehbar. Eine zentrale Frage wird dabei sein, wie technologische Neuerungen, individuelle und gesellschaftliche Erwartungen, ökologische Anforderungen und wirtschaftliche Interessen in Einklang gebracht werden können. Wie kommen wir von der jetzigen Verkehrskultur, eingetretenen technologischen Pfaden und starren Rahmenbedingungen in eine vernetzte, flexible und postfossile Verkehrszukunft? Um dieser Frage nachzugehen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Jahr 2017 einen Agendaprozess „Nachhaltige urbane Mobilität“ gestartet. Mit dieser Berliner Erklärung benennen die am Prozess beteiligten Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Gesellschaft die zentralen Anforderungen an Forschung und Innovation für die Mobilität der kommenden Jahre. Dringend brauchen wir:

1. Eine systemische Mobilitätsforschung 
Mobilität muss als Zusammenspiel von Technologien, Stadt- und Infrastrukturplanung, sozialem Verhalten sowie gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnissen verstanden werden. Sie muss also viel stärker als System gesehen werden. Dies ist z.B. wichtig, um die intelligente und effiziente Vernetzung verschiedener Transportmittel im Personen- und Güterverkehr im Sinne der Wünsche und Bedürfnisse der Menschen voranzubringen oder auch um Verkehr gezielt zu vermeiden. Dafür brauchen wir eine unabhängige, vielfältige Mobilitätsforschung, in der Forschung zu Schlüsseltechnologien (z.B. Antriebe, automatisierte vernetzte Systeme), Infrastruktur- und Umweltforschung sowie Gesellschaftswissenschaften interdisziplinär und umsetzungsorientiert zusammengebracht werden. Wir brauchen eine Mobilitätsforschung, die ihr Wirken auch in den Kontext größerer gesellschaftlicher Herausforderungen wie Klimawandel, Dekarbonisierung oder die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung stellt.

2. Neue Kooperationen für Innovationen in der Mobilität Um die im Mobilitätsbereich noch führende Position des Innovations- und Wirtschaftsstandort Deutschland auch für die Zukunft zu sichern, werden neue Ideen und Lösungsansätze gebraucht. Wir müssen an neuen technologischen Optionen arbeiten, aber zugleich den Blick auf neue Geschäftsmodelle richten, um Nutzungspotenziale früher erkennen zu können. Neue Technologien und Dienstleistungen sind nur dann am Markt und in der Praxis erfolgreich, wenn sie auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten sind und schnell in die Anwendung überführt werden. Deshalb brauchen wir erstens effektivere Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Forschung und der Praxis, d.h. Unternehmen, Kommunen, Verbänden und Bürgern. Nur durch einen offenen, auf Augenhöhe geführten Dialog zwischen diesen Akteursgruppen können Zielkonflikte identifiziert und im Dialog gelöst werden. Zweitens müssen wir mit neuen Förderkonzepten den immer schnelleren Innovationszyklen, insbesondere in der Digitalbranche, begegnen.

3. Neue integrierte Großvorhaben und Pioniergeist für die Mobilitätswende in der Praxis 
Mobilität wird nicht auf Reißbrettern oder in Laboren gestaltet, sondern „auf der Straße“, d.h. in den Städten und Kommunen. Forschung und Innovation müssen stärker auch dort stattfinden und zwar im engen Dialog mit Kommunen und Bürgern. Es bedarf neuer gesamtstädtischer Modellvorhaben, großangelegter „Experimentierräume“, wo wir vom Wissen zum Handeln, von der Planung zur Umsetzung kommen. Wo von Wissenschaft, Politik, Bürgern und Unternehmen gemeinsam aktiv neue Wege in der Mobilität beschritten werden. Dafür ist Mut eine Voraussetzung, restriktive Regularien zu überdenken und zeitweise Ausnahmeregeln zu ermöglichen. Es müssen flexiblere Förder- und Rahmenbedingungen geschaffen werden, um neue Vorhaben kontinuierlich weiterentwickeln zu können. Nur so können Städte und Kommunen in die Lage versetzt werden, neue Mobilitätskonzepte und -Dienstleistungen unter realistischen Bedingungen zu erproben.

Die eingangs skizzierten Veränderungen im Mobilitätsbereich gewinnen immer mehr an Dynamik. Deshalb ist ein konzertiertes und entschlossenes Handeln aller Beteiligten unbedingt nötig. Wir fordern deshalb mit dieser Berliner Erklärung alle Entscheidungsträger, insbesondere in der Politik auf, das Thema Mobilität umgehend, unter Berücksichtigung der hier formulierten Prioritäten, systematisch anzugehen. Es müssen dabei regulative und instrumentelle Rahmenbedingungen geschaffen werden, die integrierte Lösungen für verschiedene Zeitskalen – kurz-, mittel und langfristig – fördern und die die Einbeziehung aller Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ermöglichen.

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