Plädoyer für eine Beschaffungsinitiative für Elektroautos in Europa

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Flotten der Kommunen, der Länder und des Bundes zügig elektrifizieren
Europa sollte sich ein Beispiel an Joe Biden nehmen

Die Ankündigung des neuen US-Präsidenten, die rund 650.000 Fahrzeuge der Bundesbehörden durch Elektroautos zu ersetzen hat in der globalen Elektromobilitätsdiskussion für Aufsehen gesorgt. Zum einen hat Joe Biden die Förderung der Elektromobilität in den Kontext der Konjunkturbelebung gestellt. Ein Kontrast zu vielen Aussagen von Politikern in Europa, die den Umstieg auf Elektromobilität in Verbindung zu Arbeitsplatzverlusten kommunizieren. Nicht selten wird dabei die Erwartung geschürt, man würde durch den Verzicht auf den Bau von Elektrofahrzeugen Arbeitsplätze in der Industrie sichern. Das Gegenteil ist der Fall: die Standorte, die keine Elektroautos produzieren, werden mittelfristig gar keine Fahrzeuge mehr bauen. Joe Biden hat seine Elektroauto-Initiative als Bestandteil der Buy American Strategie platziert und betont, dass die “sauberen Elektrofahrzeuge in Amerika von amerikanischen Arbeitern“ gebaut werden sollen. Joe Biden kann nur über die Fahrzeuge in den Bundesflotten entscheiden. Bereits seit September 2018 existiert auf der kommunalen Ebene eine Initiative für den gemeinsamen Einkauf von Elektroautos für kommunale Flotten. Die Climate Mayors Electric Vehicle Purchasing Collaborative hat mittlerweile von rund 250 Städte und Regionen eine Erklärung zum Kauf von mehr als 4.000 Elektroautos eingesammelt.

Im Bereich der Flottenelektrifizierung in Europa sind vergleichbare Aktivitäten nicht zu erkennen. Auf der nationalen Ebene existieren mancherorts unverbindliche Flottenziele und auf der kommunalen Ebene existiert ein höchst unterschiedliches Bild. Einige Städte haben bereits über 30 % ihrer Flotten elektrifiziert. Mit Sicherheit wäre der Elektroanteil in den kommunalen Flotten deutlich höher, wenn der Markt mehr Modelle und eine bessere Verfügbarkeit bieten würden. Da bis 2020 die deutschen Autohersteller vollelektrische Fahrzeuge in geringer Stückzahl produzierten und sich vor Großbestellungen eher fürchteten sind von dieser Seite keine Anstrengungen unternommen worden, Bund, Ländern und Kommunen Elektroautos zu verkaufen. Mit steigenden Produktionsziffern der europäischen Hersteller und der wachsenden Konkurrenz aus Asien dürfte sich die Situation rasch ändern.

Allerdings sollte man jetzt nicht nur – wie Joe Biden – ambitionierte Ziele formulieren, sondern eine kluge Strategie zur Umstellung der öffentlichen Flotten auf Elektrofahrzeuge formulieren. Im Mittelpunkt werden dabei sicher die PKW und leichten Nutzfahrzeuge in den Kommunen und kommunalen Betrieben stehen. Da die Fahrprofile bekannt sind, kann man die Umstellung auf E-Antriebe gut steuern. Die überwiegende Zahl der Fahrzeuge ist täglich weniger als 40 KM am Tag unterwegs. Zur Verbesserung der Klimaeffekte und der Kosten sollte man die Batteriekapazität der Kommunalfahrzeuge den Fahrleistungen anpassen. Sie können mit kleineren Batterien versehen werden. Das spart Energie und Ressourcen bei der Produktion, Kosten beim Erwerb und wegen der Gewichtsreduzierung auch Fahrstrom beim Einsatz. Es bietet sich geradezu an, für die öffentlichen Flotten Modelle mit kleiner Batterie (eine Reichweite um die 100 km ist in der Regel ausreichend) zu fertigen. Zur weiteren Kostensenkung wäre ein Höchstmaß an Standardisierung bei der Ausstattung der Fahrzeuge anzustreben. Mit Blick auf die gesamte Europäische Union könnte man eine große Nachfrage nach kleineren E-Autos generieren. Diesem Segment wurde bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Hier droht wohl auch die stärkste Konkurrenz der Wettbewerber aus Asien. Für spezielle Anwendungen im Kommunalsektor bieten sich bieten sich im Zuge der Elektrifizierung viele Chancen für spezialisierte Unternehmen. Hier sollte eine engere Zusammenarbeit in der Produktentwicklung zwischen Herstellern und Anwendern in den Kommunen organisiert werden.

Natürlich wird man sich bei der europäischen Beschaffungsinitiative an das Vergaberecht und die Wettbewerbsregeln halten müssen. Da geht es aber Joe Biden und den US-Städten nicht anders. Das Verkehrswendebüro hat bereits im Jahr 2020 eine europäische Beschaffungsinitiative gefordert. Nach Veröffentlichung der Pläne in den Vereinigten Staaten wäre es sicher sinnvoll, sich auch in Europa intensiver mit der Sache zu beschäftigen.

Text in der Erklärung „Mit der Verkehrswende aus der Krise“: PKW, leichte Nutzfahrzeuge und Busse mit Verbrennungsmotoren sollen in den kommunalen Flotten durch Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben ersetzt werden. Auf diesem Wege kann die Zahl der E-Fahrzeuge im Bund und in der Europäischen Union zügig erhöht und ein signifikanter Beitrag zur Einhaltung der Flottengrenzwerte geleistet werden. Innovativen Anbietern in der EU eröffnen sich auf diesem Weg neue Marktchancen. Auf der Basis bestehender Erfahrungen soll eine gemeinsame Beschaffungsinitiative von Kommunen den administrativen Aufwand reduzieren und die notwendige Planungssicherheit bei den Herstellern schaffen.

Autor:
Raimund Nowak war von 2009 bis 2020 Geschäftsführer der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg. In dieser Funktion hat er eine größere Zahl von nationalen und europäischen Modellvorhaben verantwortet. Dazu gehört der Aufbau einer der größten kommunalen Elektroautoflotten in Europa. Im Zuge des EU-Projektes „promoting eletric mobility in urban europe“ hat er 2020 den Vorschlag einer europäischen Beschaffungsinitiative vorgelegt.